| | Nach diesem Einblick in die grundlegenden Prozesse der menschlichen Wahrnehmung, befasst sich der folgende Abschnitt mit einem Sonderfall visueller Wahrnehmung – der Lesekogni- tion. War bisher eher oberflaechlich von Identifikation und Interpretation die Rede, soll nun praeziser auf diese Begriffe eingegangen werden. Hierbei spielt insbesondere die Funktion von Schriftzeichen als Bedeutungsvermittler eine Rolle, aber auch die komplexen Interaktionsprozesse, die zwischen Leser und Text stattfinden. Sabine Gross hat in ihrem Buch "Lese-Zeichen" (1994) die Ablaeufe von Leseprozessen untersucht, und die Ansaetze unterschiedlicher Disziplinen zu einem analytischen Modell verknuepft, das sich mit dem Lesen von Schrift und Bild befasst. Dabei werden beide Bereiche separat voneinander, aber auch ihr Zusammenwirken betrachtet. Im folgenden Teil werden viele Erkenntnisse und Ueberlegungen Gross' heraus- gegriffen, und bilden die Basis, fuer eine Betrachtung der komplexen Wirkungsweise von Schriftzeichen und anderen Zeichentraegern. << top
3.1 Psychophysiologie des Lesens
"Die Augen nehmen Informationen nur waehrend der Fixations- perioden auf, die durch ruckartige Vorwaerts- und Rueckwaertsbewegungen – sogenannte Saccaden – unterbrochen und zugleich miteinander verbunden werden. Die Dauer der Saccaden liegt bei ca. 15 Millisekunden; fuer die Fixation betraegt der Durchschnittswert 250 Millisekunden, doch die tatsaechliche Fixationszeit schwankt erheblich. (...) Dauer und Ort der Fixierungen werden von einer Reihe von Faktoren beeinflusst. Zunaechst tasten die Augen keineswegs jeden Buchstaben ab, ja nicht einmal jedes Wort. Peripher aufgenommene Informationen zur raeumlichen Anordnung des Textes und der Laenge von Worten spielen eine Rolle fuer die jeweilige Groesse der Saccade und den Ort der naechsten Fixation – laengere Woerter werden mit groesserer Wahr- scheinlichkeit fixiert als kurze, und die Fixierung liegt meist in der Mitte des Wortes." Bis in die 1970er Jahre ging man davon aus, dass die Augenbewegungen unabhaengig vom Leseinhalt erfolgen. Diese These wurde seitens der Textlinguistik und der experimentellen Psychologie allerdings widerlegt. An ihre Stelle trat ein semantisches Modell. Das heisst, Inhalt und Bedeutung des Gelesenen haben Einfluss auf die physischen Ablaeufe, wie z.B. die Augenbewegung. Auch der zeitliche Ablauf des Prozesses (Physis) steht mit den kognitiven Prozessen (Psyche) in Zusammenhang. Allen gegenwaertigen Lesetheorien ist, so Gross, die Grundannahme gemein, dass sich kognitive und visuelle Prozesse beim Lesevorgang nicht trennen lassen. "Haeufigkeit, raeumliche Spannweite und Richtung der Saccaden haengen von der formalen Struktur des Textes und des Textverstaendnisses ab." Sowohl die Intention des Lesers (selektives, ueberblickendes oder gruendliches Lesen), als auch das, durch aufgenommene Informationen aktivierte, Wissen beeinflusst die Augenbewegung. Wohin das Auge bei der naechsten Fixation springt, wird durch diese Faktoren konkret gesteuert. Dabei ist die Dauer einer Wortfixation nicht proportional zur Wortlaenge, sondern wird, vor allem durch die Aspekte Haeufigkeit, Vertrautheit und Erwartbarkeit des Wortes, bestimmt. << top
3.2 Sinnkonstruktion
"Das Lesen eines Wortes hat zwei Komponenten: Das visuelle Muster, also die Erscheinungsform des Wortes, wird identi- fiziert und enkodiert (sic), und die Bedeutung des Wortes wird im inneren 'Lexikon' abgerufen." Eine Sinnkonstruktion findet also nicht erst nach Erfassen eines ganzen Satzes, oder Abschnittes statt, sondern erfolgt fortlaufend, waehrend des Lesens und immer sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Weiter wird angenommen, dass Woerter als Wortbilder, also als visuelle Muster, gespeichert und wieder abgerufen werden, und nicht etwa Buchstabe fuer Buchstabe gelesen werden. Hierfuer spricht auch der "bereits 1885 erstmals experimentell belegte 'Wortueberlegenheits-Effekt,'" nach dem in einer Zeitspanne von zehn Millisekunden "maximal vier Buchstaben (...), aber zwei ganze Woerter" erkannt werden. Waehrend sich fruehere Lesemodelle bei dem Thema Worterken- nung auf einen, der zwei gegenlaeufigen Prozesse bottom up oder top down, beschraenkten, ist man heute zu der Annahme gelangt, dass "nur 'interaktive' Lesemodelle der Komplexitaet des Leseprozesses gerecht werden." Mittelweile wird davon ausgegangen, dass waehrend der Worterkennungsprozesse, Identifikation und Interpretation, ein staendiges Wechselspiel zwischen "top-down-Erwartungen und bottom-up-Dekodierung" stattfindet. Die Experimente, die dieser These widersprechen, messen lediglich die Erkennungsgeschwindigkeiten von Woertern. Sie beschraenken sich auf die Identifikation, beruecksichtigen also den "Kontextfaktor und seinen erheblichen Einfluss auf den Lesevorgang" ueberhaupt nicht. Ihre Aussagekraft ist daher, laut Gross, aeusserst gering. Obwohl die Sinnkonstruktion waehrend des Lesens schnell, und weitgehend automatisch erfolgt, und sich damit sowohl dem Bewusstsein, als auch der Selbstbeobachtung entzieht, handelt es sich um einen aeusserst komplexen Vorgang: "Dass die Textverarbeitung dennoch bei jedem Schritt von den aufgenommenen Informationen beeinflusst wird, ist experimentell belegt." "Den theoretischen Grundannahmen des 'kognitiven Konstruktivismus', der sich im letzten Jahrzehnt durchgesetzt hat, liegt denn auch die Erkenntnis zugrunde, 'dass Textrezeption nicht (nur) passives Aufnehmen (Decodieren) der Textsemantik, sondern aktive Textverarbeitung ist.'" Diese These wird nicht nur durch die bekannten, im voran gegangenen Kapitel erlaeuterten, menschlichen Manipulations- prozesse waehrend der Sinnkonstruktion gestuetzt, sondern auch durch Versuche im Feld der kuenstlichen Intelligenz, Computern, programmbasiert das Verstaendnis einfachster Texte beizubringen. Die hierbei auftretenden Schwierigkeiten nutzt Gross zur Differenzierung zweier Begrifflichkeiten: naemlich, dass sich 'automatisch' keineswegs mit 'mechanisch' gleichsetzen lasse. << top
3.2.1 Vorausgreifende Erwartungen
Das "Leseverstaendnis laesst sich nicht auf schematische Zuordnungen und Mechanismen reduzieren, sondern operiert vielmehr mit einer Vielzahl von Strategien, die Oekonomie mit Flexibilitaet verbinden und ein breites Spektrum verschiedener Informationsebenen auswerten. Es werden unablaessig neue Informationen aktiviert und Hypothesen gebildet, die sich entweder bestaetigen oder modifiziert werden muessen. Bereits das visuelle Abtasten findet daher als staendige Folge von vorausgreifenden Erwartungen und rueckwirkenden Korrekturen statt." Es handelt sich also um eine Vielzahl von Entscheidungs- prozessen, die kontinuierlich erfolgen. Die Semantik und die Syntax des Textes schaffen ein "Relationsgefuege", das dem Leser als "Wegweiser" zu vorausschauender Sinnkon- struktion dient. So weckt schon die "syntaktische Ordnung" Erwartungen,und gibt gezielte "Handlungsanweisungen". Das Umstellen der Woerter, innerhalb eines Satzes, veraendert zum Beispiel die Satzaussage. Und auch die einzelnen Woerter verweisen nicht nur auf ihre eigene Bedeutung, sondern rufen beim Leser konkrete Annahmen hervor. Gross verdeutlicht diese Tatsache anhand unterschied- licher Beispiele, wie z.B. Verben, die so genannte Kasusrollen definieren: So setzt ",werfen' (...) einen Akteur und ein Objekt voraus, ,geben' einen Handelnden, einen Rezipienten und ein Objekt." Der Leser erwartet also schon vor Aufnahme aller Informationen eine bestimmte Aktion oder einen weiteren Situationsverlauf. Auch ein Artikel kann vorhersehbare Erwartungen provo- zieren. So laesst "Der" beispielsweise erwarten, dass ein maennliches Substantiv folgen wird. Da stets mit Wahrschein- lichkeiten, und nicht etwa mit Gewissheiten operiert wird, muss eine getroffene Hypothese mitunter revidiert werden. Der Leser trifft staendig Entscheidungen, aktualisiert die aufgenommenen Informationen und ordnet sie ggf. neu zu. Dabei behaelt er nicht alle Interpretationsmoeglichkeiten im Hinterkopf, sondern entscheidet sich vorlaeufig fuer das Wahrscheinlichste: "Erwiesen ist, dass bei Woertern mit mehreren Bedeutungen zunaechst kurzzeitig alle Bedeutungen aktiviert werden. Aufgrund von Kontext, Erwartungen und Wahrscheinlichkeit wird allerdings sehr schnell eine Entscheidung fuer eine Moeglichkeit getroffen und die Alternativen werden desaktiviert (sic)." Diese "Verwandlung von Mehrdeutigkeit in Eindeutigkeit entlastet das Kurzzeitgedaechtnis, das nur ca. sieben 'Informationshappen' gleichzeitig speichern kann". << top
3.2.2 Der Rueckgriff auf Erfahrungen
Bisher wurde der Begriff "Bedeutung" selbstverstaendlich und undefiniert verwendet. Man geht davon aus, dass es klar sei, was die Bedeutung von Bedeutung ist, ebenso wie man sich darueber einig zu sein scheint, was die Bedeutung der Worte unserer Sprache ist. Dies ist jedoch keineswegs immer der Fall. Die Angaben in einem Woerterbuch bilden lediglich die haeufigste Bedeutung des jeweiligen Wortes ab. In der alltaeglichen Verwendung, in Texten, ist die Bedeutung der Worte aeusserst flexibel und subjektiv. Neben dem linguisti- schen Wissen, verknuepfen wir jedes einzelne Wort mit unserem persoenlichen Erfahrungshorizont. Ebenso, wie wir syntaktische Bezuege herstellen, findet die Interpretation von Woertern immer im Kontext unseres Wissens statt. Das erklaert auch, wieso wir haeufig Schlussfolgerungen ziehen, die uns der eigentliche Text gar nicht liefert. Gross zitiert folgendes Beispiel: "Der Satz 'Er flog nach Kairo' [kann] je nach Kontext unterschiedlich interpretiert (...) werden. In der Gegenwart waere die korrekte Annahme ein modernes Passagierflugzeug. Gaelte die Aussage fuer die 30er Jahre, machte sie den Protagonisten automatisch zum Flugpionier im Doppeldecker; und im Kontext eines Maerchens waere die plausibelste Annahme ein fliegender Teppich." Im Text selbst ist potenziell ein Universum an Bedeutungen enthalten. Erst der Leser bringt durch sein Vorwissen, und die konkrete Lesesituation, die Informationen ein, die das Textverstaendnis erheblich erleichtert. "Dieses Wissen ist haeufig systematisch organisiert." Der Rueckgriff auf so genannte Superstrukturen, Szenarien oder Schemata sorgt dafuer, dass angedeutete Handlungsablaeufe vom Leser in einen, bereits bekannten, Kontext gestellt (wie morgendliche Routine, Restaurantbesuch, Kindergeburtstag, etc.), und bestimmte Erwartungen an den weiteren Verlauf geweckt wuerden. << top
3.2.3 Vertragsbrueche oder was am Witz witzig ist
Diese "top-down-Interpretationen" erleichtern das Lesen, allerdings nur so lange, wie sich der Text an das vorausge- sehene Schema haelt. Stehen die beschriebenen Handlungs- ablaeufe in keinem logischen Zusammenhang, verlangsamt sich das Lesetempo deutlich, und der Leser versucht, mittels ergaenzender Vermutungen, eine sinnvolle Interpretation zu finden. Dies erklaert auch laengere Lesezeit am Beginn von Erzaehltexten: Bis der Leser "die entsprechende Erzaehl- grammatik aktiviert" hat, erfolgt das Textverstaendnis langsamer. Bedient sich der Text eines Schemas, das dann nicht in der erwarteten Reihenfolge fortgefuehrt wird, widersetzt sich der Leser sogar, indem er die "Ordnung umarrangiert". Versuche haben gezeigt, dass bekannte Routinen, in falscher zeitlicher Abfolge beschrieben, vom Leser korrigiert, und in "richtiger" Reichenfolge nacherzaehlt werden. "Wie wirksam die beschriebenen Strategien sind, zeigt sich daran, dass sie nur in Ausnahmefaellen zusammenbrechen. Eben das bedeutet 'automatisch': nicht vom Bewusstsein gesteuert, so dass kein Aufwand, keine Aufmerksamkeit (...) notwendig ist." In der Alltagskommunikation erwarte der Leser von einem Text, dass dieser ihm sinnvoll und zweckmaessig relevante Informationen mitteilt. Diese Erwartungshaltung fasst Sabine Gross unter dem Begriff des "Vertrages" zwischen den Kommunikationspartnern zusammen. Sie stellt an dieser Stelle erneut heraus, dass der Leser mittels diverser Strategien eine aktive Bedeutungskonstruktion vornimmt: Menschen schaffen Sinn, "weil und indem sie ihn erwarten, und zwar nicht nur in Texten." Waehrend Unklarheiten und Mehrdeutigkeiten in Informa- tionstexten ein Kommunikationshindernis darstellen und vom Leser gar als lesefeindlicher Vertragsbruch interpretiert werden, kann das Legen einer falschen Faehrte in anderem Zusammenhang den besonderen Reiz eines Textes ausmachen: So spielen Wortwitze haeufig gezielt mit voraus greifenden Erwartungen des Lesers: Zuerst wird durch einen bestimmten Kontext eine (der moeglichen) Hypothese aktiviert, die sich im weiteren Verlauf als falsch erweist. Es muss zurueck- gesprungen und eine neue Interpretation konstruiert werden. Die Einsicht des Lesers, dass er der Taeuschung des Textes erlegen ist und sich zur Konstruktion eines falschen Sinns hat animieren lassen, macht einen solchen Text erst komisch. "Die Kommunikationswirkung beruht also auf der Komplementaritaet und dem Wechselspiel von Lesestrategien und Textstrategien." Dabei erwarten Leser, auch ohne konkrete Kenntnis der Intention des Autors, in jedem Text "zumindest eine passive Kooperation in der Sinnkonstruktion." << top
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