| | "Aufgabe der Wahrnehmung ist es, den sich staendig aendernden, oft chaotischen Input aus aeusseren Energie- quellen ueber die Sinnesorgane aufzunehmen und zu stabilen, geordneten Perzepten [...] zu organisieren. Ein Perzept ist das, was wahrgenommen wird. Es ist weder der physikalische Gegenstand noch sein Abbild in einem Rezeptor. Vielmehr handelt es sich um das erfahrene Ergebnis des gesamten Wahrnehmungsprozesses, der so unterschiedliche Vorgaenge wie Zusammenfuegen, Schaetzen, Urteilen, Erinnern, Vergleichen und Assoziieren umfasst." Folgend wird haeufig von Wahrnehmung die Rede sein, womit nicht der gesamte Prozess, sondern lediglich die visuelle Wahrnehmung gemeint ist. Denn das Sehen ist des Menschen liebster Sinn. Schon an unserem Wortschatz kann man erkennen, welchen Stellenwert die optische Wahrnehmung in unserem Alltag besitzt. Wir sehen Dinge aus dieser oder jener Perspektive, Machen uns ein Bild, ueberblicken die Situation und faellen ein Urteil. Waren wir selbst nicht anwesend, fragen wir einfach die Augenzeugen und schenken ihnen Glauben. Gesehenes erscheint uns stets objektiv, als handele sich um eine Art geeichter Kollektiv- wahrnehmung. Und das, obwohl ein jeder, zumindest in Ansaetzen, um den Konstruktionsprozess weiss, der sich hinter dem Sehen verbirgt. Zum einen ist es unsere Uebung, aber auch die Geschwindigkeit mit der wir wahrnehmen, die uns vergessen laesst, wie vielschichtig die Anforderungen sind, die sich hinter dem faszinierenden Prozess des Sehens verbergen. Angefangen bei der Philosophie, ueber die Naturwissen- schaften und die Psychologie, bis hin zur Kunst: Mit dem Blick auf den Blick haben sich unterschiedliche Disziplinen eingehend befasst und ein breites Spektrum an Informationen rund um den Vorgang der visuellen Wahrnehmung geliefert. Da sich die Fachbereiche haeufig ueberschneiden oder ergaenzen, sei folgend ein Einblick gewaehrt, der zu Gunsten einer Gesamteinschaetzung auf die Trennung der wissenschaftlichen Disziplinen verzichtet. Ausgehend von den physisch-mechanisch ablaufenden Prozessen, die kurz angesprochen werden, befasst sich der Text zunaechst mit grundlegenden Kriterien, nach denen wir wahrnehmen und unsere visuellen Eindruecke sortieren. << top
2.1 Vom Sehstrahl zu Zapfen und Staebchen
Naehern wir uns dem Sehen zunaechst von naturwissen- schaftlicher, also von optisch-mechanischer Seite. Nachdem Jahrtausende lang die Annahme vorherrschte, vom Auge ginge ein Sehstrahl oder ein Kegel aus, der die Gegenstaende umfasse, legte Johannes Kepler 1604 den Grundstein fuer die Optik als Wissenschaft. Seine Theorie ueber die Ausbreitung und Wirkung von Lichtstrahlen revolutionierte die frueheren Vorstellungen und fuehrte zu der heute vorherrschenden Erkenntnis, dass das Licht auf das Auge treffe, um dort von der Pupille gebrochen und gebuendelt zu werden. René Descartes’ konkretisierte 1637 mit dem Reflexionsgesetz den Vorgang der Brechung des Lichts und brachte es auf die Formel "Einfallswinkel gleich Ausfalls- winkel", die spaeter auch zu einem Grundprinzip der Fotografie werden sollte. Waehrend sich die Gelehrten weiter ueber die Beschaffenheit des Lichts stritten und sich die zwei Lager Wellen- oder Teilchentheorie herausbildeten, bewies Sir Isaac Newton 1704, dass sich weisses Licht aus den Spektralfarben rot bis violett zusammensetzt. So konnte er zwanglos den Regenbogen erklaeren, doch wie sich die einfallenden Lichtstrahlen zu einem Bild zusammenfuegen, war hierdurch laengst nicht geklaert. Waehrend man im 19. Jahrhundert noch von einer Funktionsweise analog zur Fotografie ausging, bei der die Welt als Bild auf die Netzhaut (Retina) falle und gleich als solches wahrgenommen werde, wurde diese Auffassung in der zweiten Haelfte des 20. Jahrhunderts mit Hilfe technischer Geraete zur Messung der Augenbewegungen widerlegt. Heute ist bekannt, dass das Licht auf die, in der Retina befindlichen Zapfen (fuer farbiges Licht) und Staebchen (fuer weisses Licht, Hell-Dunkel-Wahrnehmung) trifft, und dort, je nach Wellenlaenge des Lichts, bestimmte Nervenzellen erregt. Die so erzeugten Impulse fuehren dann zu Reaktionen im Gehirn, welches die Informationen aktiv weiterverarbeitet. Dabei nimmt das Auge kein kontinuierliches Bild der Umgebung auf, sondern viele, nicht direkt aneinander zu reihende Einzelbilder. Das Zusammenfuegen dieser Bilder, auch Integration genannt, ist nach wie vor Untersuchungsobjekt der Forschung. Ein blosses Aneinanderfuegen der Bilddaten, wie es etwa in der Erzeugung von Panoramabildern in der Bildverarbeitung praktiziert wird, ist jedoch heute experimentell widerlegt. << top
2.2 Sinnkonstruktion: Blinder Fleck und Prismenbrillen
"Sinneswahrnehmungen sind keine objektiven Abbilder der Wirklichkeit, sondern individuelle Konstruktionen. Die eigentliche Wahrnehmung ist das Ergebnis kognitiver Prozesse und findet nicht in den Sinnesorganen statt. Dabei werden nie alle Signale verwendet, sondern durch unsere Aufmerksamkeit stets eine relativ kleine Auswahl getroffen, die zudem durch erinnerte Wahrnehmung je nach Bedarf ergaenzt wird." Schon der griechische Philosoph Platon stellte, im Hoehlen- gleichnis von 370 v. Chr., die Moeglichkeit einer objektiven Erkenntnis des Menschen durch sinnliche Wahrnehmung in Frage und machte deutlich, dass die Ordnung und Verarbeitung der sinnlich aufgenommenen Informationen immer in subjektiver Abhaengigkeit zu unserem Erfahrungshorizont erfolgt. Diese frueh getroffene Annahme hat sich, durch die Erkennt- nisse unterschiedlicher Fachbereiche, verdichtet, so dass wir heute einem komplexen Konstruktionsvorgang gegenueber stehen. Erstes Indiz fuer eine aktive Konstruktionsleistung unseres Gehirns ist der, bereits 1666 entdeckte, Blinde Fleck, eine Stelle der Netzhaut, auf der sich keine Lichtrezeptoren befinden und an der wir folglich blind sind. Doch anstelle einer Wahrnehmung dieses Mangels, fuellt unser Gehirn die Luecke mit umliegenden Farbeindruecken und den, vom jeweils anderen Auge wahrgenommenen Informationen. Dies ist aber erst die Spitze des Eisberges. Denn sowohl das Stereosehen, als auch die Tatsache, dass die durch Lichtstrahlen erzeugten Bilder auf dem Kopf stehend bei uns eintreffen und wir sie dennoch richtig herum sehen, zeugt von einer immensen Konstruktionsleistung des Gehirns. Bereits 1896 untersuchte der Psychologe George W. Stratton letztgenanntes Phaenomen, indem er in einem Selbstversuch fuer sieben Tage seine Welt auf den Kopf stellte. Hierzu trug er eine brillenartige Vorrichtung, die mittels Prismen oben und unten und damit auch links und rechts vertauschte. Wirkten die geaenderten Wahrnehmungsbedingungen zu Beginn noch irritierend, gewoehnte sich sein Koerper im Versuchs- verlauf an die neuen Verhaeltnismaessigkeiten, so dass ihm zum Ende hin wieder eine annaehernd normale, automatisierte Orientierung im Raum moeglich war. Mit den Innsbrucker Brillenversuchen wurde in den 1950er Jahren Strattons Experiment im grossen Stil neu aufgelegt, und erforscht, wie die menschliche Wahrnehmung durch eigene Korrekturprozesse ihre Organisation aufbaut und aufrechterhaelt. Hierzu stoerte man die Wahrnehmung mehrerer Probanden systematisch, indem man ihnen ueber laengere Zeitraeume (bis zu mehreren Monaten) Prismenbrillen mit unterschiedlichen Stoerwirkungen aufsetzte, und ihre subjektiven Erfahrungen protokollierte. Ergebnis der Untersuchungen war eine faszinierende Anpassungsfaehigkeit des Menschen an die "neue" Welt: Nach einer Zeit der Umgewoehnung lernten die Probanden, mit den veraenderten Gegebenheiten umzugehen und waren in der Lage "mit dem Motorrad durch Innsbruck zu fahren, Tennis zu spielen und Ski zu fahren". Selbst seitenverkehrtes Lesen verlief muehelos. Der Mensch scheint also in seiner Wahrnehmungsorganisation aeusserst flexibel und lernfaehig zu sein. Die Zeit der Rueckgewoehnung nach dem Absetzen der Brillen betrug uebrigens nur wenige Minuten, was darauf hinweist, dass wir einmal Erlerntes speichern, um es bei Bedarf wieder abrufen zu koennen. << top
2.3 Tiefenwahrnehmung
Das Phaenomen des raeumlichen Sehens ist umso erstaun- licher, wenn man bedenkt, dass unsere Umwelt lediglich in zweidimensionalen Bildern auf die Retina faellt. Erst die vom Gehirn geleistete Synthese zweier Bilder macht uns die Wahrnehmung von Drei-Dimensionalitaet moeglich. Das binokulare Sehen, welches der Mensch mittels seiner zwei Augen vollzieht wird von unterschiedlichen Faktoren bestimmt. Als erstes sei die Disparitaet genannt, die sich durch den Abstand zwischen den Augen ergibt und die hieraus resultierende Ungleichheit der Bilder bezeichnet. Zweiter, vor allem fuer die Tiefenwahrnehmung entscheidender Faktor, ist die Konvergenz. Hierbei handelt es sich um eine grundlegende Augenbewegung, bei der sich beide Augen, aus der Parallelstellung heraus, nach innen bewegen und an einem bestimmten Punkt zur Ueberschneidung gebracht werden. Dieser Prozess des Fokussierens, welcher ueber Muskel- bewegungen gesteuert wird, liefert dem Gehirn wichtige Informationen fuer das Einschaetzen von Entfernungen. Da die zu leistenden Muskelbewegungen beim Scharfstellen staerker sind, je naeher sich das betrachtete Objekt befindet, faellt es leichter, Distanzen im Nahbereich zu schaetzen. << top
2.3.1 Stereoskopie
Diese Kenntnisse ueber den Sehvorgang machte sich der Physiker Sir Charles Wheatstone 1832, bereits vor der Erfindung der Fotografie zu Nutze, und konstruierte das erste Spiegel-Stereoskop. Wheatstone berechnete die dem natuerlichen Sehen entsprechende Disparitaet und zeichnete zwei leicht zueinander verschobene Bilder. Durch eine spezielle Apparatur gelang ihm mittels einer Spiegelvor- richtung die Vereinigung beider Abbildungen waehrend des Sehvorgangs, wodurch erstmals die Illusion einer virtuell- dreidimensionalen Szenerie ermoeglicht wurde. Spaeter entwickelte man weitere Stereoskope in vereinfachter Bauweise. Insbesondere die Zuhilfenahme einer senkrechten Scheidewand, die jedem Auge nur das ihm zugedachte Bild zugaenglich machte, vereinfachte die Konstruktion erheblich. Denn bei einer im Vorhinein separierten Betrachtung der stereoskopischen Teilbilder eruebrigte sich die bislang notwendig gewesene Vorrichtung, welche die Bilder zur Deckung brachte. Generell laesst sich sagen, dass das Stereoskop die Wahrnehmung einer Raeumlichkeitsillusion zwar erheblich erleichtert, dazu jedoch nicht zwingend erforderlich ist. Denn Stereobildpaare lassen sich auch einfach durch die Anwendung spezieller Betrachtungstechniken vereinigen. Zu beachten ist hierbei lediglich, dass die Bilder entweder fuer den Kreuz- oder den Parallelblick angelegt sein muessen. Dass die Wahrnehmung raeumlicher Tiefe erst im Gehirn stattfindet, bewies auch Dr. Bela Julesz 1959. Er experimentierte mit Zufallspunkt-Raumbildern, auf denen bei normaler Betrachtung lediglich zufaellig angeordnete Punkte zu erkennen sind. Aus den Differenzen der Punktanordnung vom ersten zum zweiten Bild ergeben sich beim Versuch des Auges, beide Bilder zur Deckung zu bringen, als raeumliche Tiefe empfundene Hoehenunterschiede und das dreidimensionale Bild wird sichtbar. Die abstrakte Beschaffenheit seiner Bilder hatte den Vorteil, dass Probanden ohne den Vollzug des Syntheseprozesses im Gehirn (den es nachzuweisen galt) keine Gegenstaende sehen konnten. << top
2.3.2 Hinweisreize
Neben den oben beschriebenen Phaenomenen, die binokulares Sehen voraussetzen, gibt es weitere Hinweisreize, die wir selbst mit den Informationen nur eines Auges als raeumliche Tiefe interpretieren. "So scheinen Gegenstaende mit steigender Entfernung vom Betrachter naeher zusammen zu ruecken. Gibson (1973) hat diesen Hinweis als Texturgradienten bezeichnet." Hiernach nehmen wir eine Reihe von Linien, deren Enden an einer Seite enger zusammen laufen, automatisch als Tiefe wahr, obwohl es sich tatsaechlich um eine Flaeche handelt. Auch die Ueberlagerung von Objekten laesst uns auf eine raeumliche Anordnung schliessen, so dass wir teilweise verdeckte Figuren als dahinter liegend interpretieren. Ebenso Schatten und Helligkeit werten wir (wohl auf Grund unserer visuellen Erfahrungen) als Hinweise. Der Begriff der Luftperspektive bezeichnet in diesem Zusammenhang einen Tiefeneindruck, der durch die Abnahme von Kontrast und die Zunahme von Helligkeit, in Richtung Vordergrund zu Hintergrund erzeugt wird. Verschwommene Konturen und weniger klare Details in der Ferne liegender Objekte koennen diesen Eindruck zusaetzlich verstaerken. Ein weiterer optischer Effekt, der uns auf Raeumlichkeit schliessen laesst, ist die Bewegungsparallaxe. Sie tritt auf, wenn wir beispielsweise bei einer Zug- oder Autofahrt aus dem Fenster blicken und die Landschaft beobachten. Die Geschwindigkeit, in der die Objekte an uns vorueber ziehen, gibt Aufschluss darueber, in welcher Entfernung sie sich befinden. Je naeher die Gegenstaende dem Betrachter sind, desto schneller erscheint uns die Bewegung, waehrend der Horizont als weitester Punkt nahezu ruht. << top
2.3.3 Gross und Klein / Bezugsgroessen und Groessenkonstanz
Die bislang beschriebenen Faehigkeiten des Menschen zur Einschaetzung von Distanzen lassen sich keinesfalls als verlaesslich bezeichnen. Vor allem das Phaenomen der Groessenkonstanz bereitet uns z.B. beim Zeichnen Schwierig- keiten. Denn an unserem Wahrnehmungsprozess ist immer auch ein erhebliches Mass an Erfahrungen beteiligt, die uns mitunter zu Trugschluessen verleiten. Die, eigentlich sehr hilfreiche Faehigkeit, Objektgroessen auch aus unterschiedlichen Entfernungen richtig einzuschaetzen, fuehrt naemlich dazu, dass wir die erheblichen Groessen- unterschiede zwischen naeher und weiter entfernten Gegenstaenden oder Personen gar nicht mehr wahrnehmen. Oder haben Sie etwa den Eindruck, dass ein Mensch, der Ihnen entgegen kommt stetig waechst? Zwar werden weiter entfernte Objekte kleiner auf unserer Netzhaut abgebildet, doch eine Reihe neurophysiologischer Mechanismen sorgt fuer eine Korrektur der Entfernung, so dass wir ihre Groesse als weitgehend konstant erleben. Hierzu werden unterschied- liche Kriterien heran gezogen, wie zum Beispiel die stereooptische Winkelstellung der Augen, oder der perspek- tivische Rahmen. Als Hauptkriterium dient jedoch die Einordnung anhand von Bezugsgroessen. Was befindet sich davor, dahinter und daneben? Wir sehen Objekte also nie isoliert, sondern immer in Bezug auf ihr Umfeld. Fehlen uns diese Bezugsgroessen, wird die Einschaetzung schwierig. Eine Vielzahl von Abbildungen optischer Taeuschungen fuehrt das Phaenomen der Groessenkonstanz unter der Herstellung von Bezuegen immer wieder eindrucksvoll vor. Wohl ein Jeder hat sich bei der Frage "Welche Linie ist nun laenger?" schon einmal uebel verschaetzt. Beispielhaft herausgegriffen sei eine besonders faszinierende Taeuschung: Der dreidimensional existierende Ames-Raum. Dieser, nach Adelbert Ames benannte, Raum wurde 1964 erstmals gebaut und leitet den Korrekturprozess unseres Gehirns gekonnt in die Irre. Durch ein Guckloch kann ein gewoehnliches Zimmer mit Decke und Boden, Fenstern und Tueren ueberblickt werden, das dem Betrachter als voellig normal, also rechtwinkelig und wohl proportioniert erscheint. Tatsaechlich handelt es sich um einen trapezfoermig angelegten Raum, der sich der Prinzipien unserer Tiefenwahrnehmung bedient, um geschickt zu taeuschen. Wird das Zimmer von einer Person betreten, die sich von einer Wand zur anderen bewegt, entsteht der Eindruck, als wuechse, bzw. schrumpfe sie auf ihrem Weg. Stehen mehrere Personen aufgereiht nebeneinander, sieht es so aus, als traefen sich Zwerge mit Riesen. Das Faszinierende an dieser Taeuschung ist die Vorfuehrung, mit welcher Unerschuetterlichkeit wir eine Einordnung anhand von Bezugsgroessen vornehmen. Denn obwohl uns allen klar sein duerfte, dass Menschen ihre Groesse nicht kurzfristig variieren koennen, es weder Riesen noch Zwerge gibt, akzeptieren wir diese Taeuschung eher, als den scheinbar korrekten Raum in Frage zu stellen. Glauben wir also eher an die Tuer als an den Menschen? So pauschal laesst es sich wohl nicht sagen, doch auch hier wird deutlich, wie wir Neues mit Bekanntem abgleichen und letztlich das Wahrscheinlichste als korrekt akzeptieren. Da uns der gesamte Raum nebst seiner Fenster und Tueren normal erscheint, muss sich in diesem Fall der Mensch den Bezugsgroessen beugen. << top
2.3.4 Darstellung von Perspektive
Wie wir sehen, ist die visuelle Wahrnehmung sehr flexibel und wir damit leicht zu taeuschen. Eines der glaubhaftesten Mittel zur Vortaeuschung von Dreidimensionalitaet, auf zweidimensionaler Ebene, ist die Darstellungsform der Zentralperspektive. Hierbei werden Bezugsgroessen verwendet, die der menschlichen Wahrnehmung sehr nahe kommen. Das einfache Wiedererkennen der bekannten Verhaeltnismaessig- keiten verschafft dem Betrachter einen naturalistischen Eindruck. Techniken eines zentralperspektivischen Bildaufbaus waren bereits im alten Rom bekannt, allerdings ging dieses Wissen in fruehchristlicher Zeit wieder verloren. Man bediente sich ueberwiegend der Bedeutungsperspektive, bei der Personen abhaengig von ihrem Stellenwert unterschiedlich gross dargestellt wurden. Bei der Betrachtung mittelalter- licher Malerei laesst sich eine kulissenhaft irritierende Wirkung feststellen, wenn sich die Proportionen den natuerlichen Erfahrungen menschlicher Wahrnehmung widersetzen. Nach ersten Erlaeuterungen mathematischer Methoden zur Darstellung perspektivischer Wirkung 1436 durch Leon Battista Alberti schuf Albrecht Duerer 1525 mit seiner Zusammen- fassung "Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt in Linien, Ebenen und ganzen Koerpern", eine, noch heute verbindliche, Grundlage der darstellenden Geometrie und ging als (Wieder-) Entdecker der Zentral- perspektive in die Geschichte ein. Das Prinzip dieser Darstellungsform liegt in der proportionalen Abbildung aller vorhandenen Gegenstaende anhand eines imaginaeren Punktes. Hierzu werden alle Objektkanten und -groessen an gedachten Linien ausgerichtet, die sich strahlenfoermig im Fluchtpunkt treffen. Duerers Anleitung zu korrekter perspektivischer Darstellung entschaerft das Phaenomen der Groessenkonstanz, indem es ein Verfahren empfiehlt, das mittels eines Rasterfensters die Distanzierung zum Modell, und somit eine genauere Messung der Groessenverhaeltnisse ermoeglicht. Doch, wie bereits oben ausgefuehrt, ist die Zentralperspektive nicht die einzige Darstellungsform, die raeumliche Tiefenwahrnehmung erzeugt. Vor allem mathematische und geometrische Zeichnungen verwenden haeufig die Parallelperspektive, bei der die dargestellten Objekte nicht zu einem Punkt hin fluchten, sondern alle parallel laufenden Objektkanten auch parallel dargestellt werden. Nach der Erfindung der Fotografie, welche die Malerei von ihrer Funktion der naturalistischen Darstellung abloeste, bediente sich die Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts haeufig der Perspektive, um den Betrachter bewusst zu taeuschen. Vor allem die Kunststroemungen Surrealismus, Futurismus und Kubismus brachten Werke hervor, die mit den Sehgewohnheiten des Rezipienten spielten und auf diesem Wege das Phaenomen der visuellen Wahrnehmung neu diskutierten. << top
2.4 Objekterkennung
Ein Gemaelde Rene Magrittes soll nun als Aufhaenger dienen, ein weiteres Entscheidungsproblem in unserem Wahrnehmungsprozess zu illustrieren. Die "Blankovollmacht" von 1965 zeigt eine Reiterin zu Pferde in einem Wald. Sie befindet sich im Vordergrund des Bildes und wird teilweise durch Baeume verdeckt. Dies geschieht jedoch nicht nach perspektivisch korrektem Muster, sondern irritiert bewusst, durch falsch gesetzte Ueberlagerungen. So waehlt Magritte zur Verdeckung einen Baum in "richtiger" (also vor der Reiterin stehenden) Position und einen weiteren, im Mittelgrund befindlichen, der sich eigentlich hinter der Reiterin befinden muesste. Als dritter Baum fungiert paradoxerweise der Hintergrund selbst, der sich als Streifen ueber den Vordergrund legt. Mit diesem Werk stoert Magritte, neben der Tiefenwahr- nehmung, einen weiteren, fuer die visuelle Orientierung wesentlichen Prozess: Die Entscheidung zwischen Figur und Grund. << top
2.4.1 Figur und Grund
Denn sobald wir die Augen aufschlagen, liefert uns unsere Umwelt eine Ueberzahl an Reizen, die wir weder gleichzeitig aufnehmen, geschweige denn alle auswerten koennen. Somit ist die "Faehigkeit der Figur-Grund-Unterscheidung (...) eine grundlegende Voraussetzung fuer eine sichere und eine schnelle Orientierung."Aber wie finden wir die Grenze zwischen Objekt und Hintergrund? Und nach welchen Kriterien sortieren wir die wahrgenommenen Informationen? Insbesondere Wahrnehmungspsychologen, aber auch zahlreiche Kuenstler haben sich mit dieser Frage beschaeftigt und liefern, wenn auch keine abschliessenden Antworten, so doch viele Anhaltspunkte, nach welchen Kriterien diese Selektion beim Menschen erfolgt. << top
2.4.2 Gestaltgesetze
Die Gestaltpsychologie hat Prinzipien formuliert, nach denen wir Objekte als solche identifizieren. Zu den wichtigsten Gestaltgesetzen zaehlen "das Gesetz der Naehe, das Gesetz der Aehnlichkeit, das Gesetz des glatten Verlaufs bzw. der guten Kurve und das Gesetz der Geschlossenheit bzw. der guten Gestalt". Bei all diesen Gesetzen gilt die zentrale Annahme, dass der Mensch immer die am naechsten liegende Interpretation vollzieht. So gehen wir zum Beispiel, laut Prinzip des glatten Verlaufs, bei Betrachtung eines Kreuzes davon aus, dass es sich um zwei gerade, sich kreuzende Linien handelt und nicht etwa um zwei Winkel, die sich an den Spitzen treffen. Auch das automatische Zusammensetzen von Einzelteilen zu ganzen Objekten laesst sich anhand der Gesetze der Naehe als auch der Geschlossenheit erklaeren. Wenn wir also Mosaike, grobe Raster, oder auch aus vielen Personen gebildete Formationen (wie bei Sportveranstaltungen) betrachten, koennen wir uns dem Konstruktionsprozess der Objekterkennung kaum entziehen, obwohl wir die einzelnen Teile und ihre Zwischenraeume deutlich erkennen. Dies laesst sich im Uebrigen auch als Grundvoraussetzung zur Rezeption moderner Malerei verstehen. Denn stuende uns diese Faehigkeit nicht zur Verfuegung, zerfielen impressionistische und expressio- nistische Werke zu bedeutungslosen Pinselstrichen. Die Psychologen Andrew Witkin und Marty Tenebaum fanden zudem das Prinzip der "nicht zufaelligen Beziehungen" heraus, welches besagt, dass wir parallel zueinander verlaufenden Linien leichter einen Zusammenhang unterstellen und somit die von ihnen umgebene Flaeche eher als Objekt identifizieren. Auch "symmetrische und konvexe Figuren, kleine Flaechen, vertikale und horizontale Orientierungen sowie bedeutungs- volle Gegenstaende" werden einfacher als Figur erkannt. Dass es bei der Identifikation von Objekt und Hintergrund zu irritierenden Doppeldeutigkeiten kommen kann, zeigen die, allseits bekannten, Vexier- oder Kippbilder. Auf diesen laesst sich entweder eine geschlossene Form als Kelch, oder eine Negativform, als zwei einander anblickende Koepfe im Profil, lesen. Da aber "zu einem Zeitpunkt (...) immer nur eine Interpretation" als Figur oder Grund moeglich ist, fuehrt die Betrachtung zu einer instabilen Situation. In einer Endlosschleife springt unser Blick zwischen den Moeglichkeiten hin und her und findet keine Ruhe. << top
2.4.3 Scheinfiguren
Figuren muessen nicht unbedingt vollstaendig sein, um als solche erkannt zu werden. Fehlenden Informationen, wie beispielsweise einer nicht geschlossenen Kontur gegenueber, erweist sich die menschliche Wahrnehmung als ueberaus tolerant. Vor allem die Konstruktion so genannter Schein- figuren deutet darauf hin, dass es nicht immer einer Kontur bedarf, um Objekte zu identifizieren. "Aussparungen und Unterbrechungen werden als durch die Scheinkontur ueberlagerte Bereiche der Hintergrundelemente interpretiert, die als in Wirklichkeit geschlossene Formen gedeutet werden. Da die Scheinkontur daher vor den uebrigen Elementen liegen muss, wird sie als Figur wahrgenommen. Sie erscheint deshalb auch gegenueber objektiv gleich hellen Umgebungen als heller." Wir unterstellen also den sichtbaren Objekten eine Geschlossenheit, die wir eigentlich gar nicht sehen, und stuetzen diese Annahme noch mit einem selbst konstruierten Objekt, das ueberhaupt nicht existiert? Das hoert sich abenteuerlich an, aber keineswegs objektiv. << top
2.4.4 Visuelle Mustererkennung
Wie schon haeufiger angemerkt, handelt es sich beim Sehen um ein aktives Auswahlverfahren, bei dem "immer nur der wahrscheinlichste von konkurrierenden Bildentwuerfen akzeptiert" wird. Es kann also nicht von eindeutigen Wahrnehmungen die Rede sein, sondern eher von einem subjektiven Abwaegen zwischen den Moeglichkeiten. Dabei spielt der Drang des Menschen zur Sinnkonstruktion, als auch der kulturelle Erfahrungshorizont eine entscheidende Rolle. Wenn wir mit einer Darstellung konfrontiert werden, deren Sinn sich nicht sofort erschliesst, suchen wir automatisch in unserem Erfahrungsschatz nach Anknuepfungs- punkten, die uns eine sinnvolle Interpretation erlauben. Solange uns diese Konstruktion nicht gelingen mag, suchen wir unruhig weiter, bis sich, mit Loesung des Raetsels, Stabilitaet und Zufriedenheit einstellt. Diesen Prozess bezeichnet die Psychologie als Muster- erkennung, die ebenfalls der Identifikation von Objekten dient. Als Muster werden "komplexe (d.h. aus mehreren Elementen wie Linien, Punkten, Winkeln etc. zusammengesetzte) Reize aufgefasst." Grundlage dieser Theorie ist die Annahme, dass "ein Vergleich des visuellen Reizes mit einem, im Gedaechtnis bereits vorhandenen Datenmuster statt- findet. Diese Datenmuster stammen aus frueheren Wahrnehmungen und stellen Schablonen fuer bestimmte Figuren dar. Dabei werden Objekte in ihrem ueblichen Kontext besser bzw. schneller wahrgenommen." Diese Tatsache ist auch fuer den Leseprozess von zentraler Bedeutung, auf den im naechsten Kapitel naeher eingegangen werden wird. Wir gleichen also wieder neue Informationen mit bereits Gesehenem ab, und versuchen Parallelen zu finden. Die Flexibilitaet, mit der wir in der Lage sind, bestimmte Muster auch in veraenderter Gestalt wieder zu erkennen, stuetzt die These einer vorangegangenen Merkmalsanalyse, welche davon ausgeht, dass "jeder Reiz (...) als Kombination elementarer Merkmale angesehen" wird. Als typisches Beispiel fuer den Begriff des Musters lassen sich Buchstaben und Ziffern nennen. Die Tatsache, dass wir diese, auch in sehr unterschiedlicher Gestalt, von der Handschrift bis zu diversen Schrifttypen, leicht identifizieren koennen, spricht fuer diese Speicherung anhand von Merkmalen. Beispielsweise wird der Buchstabe T als Kombination einer waagerechten und einer senkrechten Linie aufgefasst. Doch neben den Merkmalen selbst ist auch ihre "Beziehung untereinander von Bedeutung." Denn fuer die Identifikation eines Ts ist zudem entscheidend, dass die Mitte der horizontalen Linie auf das obere Ende der Vertikalen trifft. Aehnlich verhaelt es sich mit der Erkennung von Gesichtern. Meistens reicht schon die Kombination der Merkmale "ein Objekt mit zwei Punkten", um zu der Interpretation "Gesicht" zu gelangen. Vorausgesetzt natuerlich, sie stehen in der richtigen Beziehung zueinander. In diesem Falle hiesse das: Die Punkte befinden sich nebeneinander und innerhalb des Objektes. Wie in diesem Kapitel deutlich gemacht wurde, sind visuell wahrgenommene Informationen keineswegs objektiv. Vielmehr wird stets versucht, ein als Realitaet verstandenes Gesamt- konstrukt aus Wahrnehmungserfahrungen zu erhalten. Hierbei werden selbst widersinnig empfundene Informationen ausgeglichen, also subjektiv manipuliert, bis ein Sinn produziert werden kann. Ein Scheitern dieser Bemuehungen, als auch die Konfron- tation mit Mehrdeutigkeiten wird als instabil empfunden, was von dem unbedingten Drang des Menschen zur Sinnkonstruktion zeugt, dem er sich kaum entziehen kann. << top
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