| | Lesen ist der Versuch, die Materialitaet der Signifikanten zu ignorieren und auf ihre Signifikate hin durchsichtig zu machen". Wie bereits am Begriff des Wortbildes angedeutet wurde, besteht die Bedeutung der Worte nicht allein aus ihrem lexikalischen Verweis auf eine Bedeutung. Bislang wurde die signifizierende, also die bezeichnende Funktion von Schriftsprache auf rein semantischer Ebene behandelt, ohne dabei die Wirkung mit einzubeziehen, die von der materiellen Beschaffenheit der Buchstaben ausgeht. Denn, obwohl die ikonische Qualitaet von Symbolen weitestgehend ignoriert werden muss, sobald semantische Inhalte aufgenommen werden sollen, laesst sich die erhebliche Wirkung ihrerseits nicht absprechen. Das "Verlangen nach Bedeutung" laesst sich auch hier nicht auf einzelne Segmente reduzieren, sondern bedient sich immer all jener Ebenen, die eine Sinnkonstruktion bedingen. Der Beitrag des Ikonischen zur Sinnkonstruktion wird zwar selten bewusst wahrgenommen, hat aber immer einen entscheidenden Einfluss. Gross spricht hier treffend von einem "semiotischen Trieb", der Objekte erst in Zeichen verwandele. Dieser Trieb zur Semiotik, also zum Verwenden von Zeichen, als Repraesentanten fuer Ideen, und ihre Fixierung und Reproduktion mittels Schrift, hat sich ueber Jahrtausende hinweg entwickelt. Von dieser Entwicklung zeugt ein vielfaeltiger Schatz an ueberlieferten Schriften, der sich zwar nicht auf den einen Ursprung, oder die "Urschrift", zurueckfuehren laesst, aber dessen weltweite, haeufig unabhaengig parallele Verbreitung zumindest eines sehr deutlich zeigt: Schriften sind immer Produkte ihrer Zeit, ihrer Kultur, ihrer Entstehung- und Verwendungszusammenhaenge. Sie zeigen eine direkte Verbindung zu den Menschen, die sie verwenden, an. Sie basieren ebenso auf menschlicher Wahrnehmung und Physiologie, wie sie als Ausdruck seines Beduerfnisses zur Sinnkonstruktion erscheinen. Eines ist jedoch allen Schriftzeichen gemein: Sie wurden geschaffen, um Bedeutung zu vermitteln. << top
4.1 Zeichenarten
Nach Charles Sanders Pierce gibt es drei Arten, wie ein Zeichen bedeuten kann. Das Verhaeltnis zwischen Signifikant und Signifikat (oder dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten), also den beiden Elementen, die gemeinsam ein Zeichen bilden, kann symbolisch, indexikalisch oder ikonisch sein. Dem pierceschen Modell nach ist das Zeichen symbolisch, wenn der Bezug wie es in der Sprache ueberwiegend der Fall ist - durch Konvention hergestellt ist. Gibt es einen raeumlichen, kausalen, symptomatischen oder sonst faktischen Bezug, handelt es sich um ein Indexzeichen (beispielsweise ein Pfeil, ein zeigender Finger, der Rauch eines Feuers). Ein ikonisches Zeichen wiederum hat bestimmte Eigenschaften mit dem Gegenstand, den es bezeichnet, gemeinsam." Mit diesen Zuordnungen werde allerdings keine strikte Klassifizierung angestrebt, sondern vielmehr versucht, Zeichen nach ihrem jeweiligen Gehalt aller drei Repraesentationsformen hin zu sortieren. Denn ein Symbol rein auf seine Konventionalitaet reduzieren zu wollen hiesse letztlich, seine offenbar bestehende Ikonizitaet zu verleugnen. << top
4.2 Vom Ursprung der Form
Ob nun Bilderschrift oder Alphabet, der Grad der Abstraktion eines Zeichentraegers aendert also nichts an seiner Funktionsweise, denn selbst das aehnlich sehende Piktogramm, gibt einen Gegenstand niemals genau wieder. Dennoch laesst sich bei der Betrachtung der Zeichengeschichte gewisser- massen eine Evolution vom Piktogramm zum Symbol feststellen. Als verantwortlich, fuer diese Veraenderungen in der Zeichengestalt, fallen insbesondere die Bedingungen des Schreibprozesses ins Auge: Das Schreibinstrument, der zu beschreibende Untergrund und nicht zuletzt die fortschreitende Optimierung des Schreibprozesses bilden Rahmenbedingungen, die massgeblichen Einfluss auf die Gestalt eines Schrift- zeichens haben. Doch wo liegt der Ursprung der Buchstabenformen? Selbst das lateinische Alphabet, welches im Vergleich zur chinesischen Schrift mit einem Minimum an Symbolen auskommt, sich also als ueberaus oekonomisch konventionalisiert und abstrakt bezeichnen laesst, hat seinen Ursprung in Bildzeichen. << top
4.3 Der Mensch im Alphabet, Rueckfuehrungen
Auf der Suche nach diesen Bildern haben sich Kuenstler, Schriftsteller oder Paedagogen immer wieder versucht, die verblasste Ikonizitaet der Buchstabenformen wiederzubeleben. Haeufig geschah dies durch eine direkte Bezugnahme auf die menschliche Physis: "Die menschliche Gesellschaft, die Welt, der Mensch insgesamt, sind im Alphabet [...] Das Alphabet ist eine Quelle." schrieb Victor Hugo 1839. Dieser Auffassung, also einer Repraesentation menschlichen Lebens im Alphabet, ist auch Paul Claudel, der, ausgehend vom Buchstaben, Bezuege zu Handlungen und Gesten des Menschen herstellt. Eine Rueckfuehrung der Minuskel-Vokale auf die Mundstellung beim Sprechen beispielsweise unter- streicht seine These, die Buchstabengestalt sei keineswegs willkuerlich entstanden, sondern stehe in direkter Verbindung zum Menschen. Insbesondere aus dem Bereich der Leselernpaedagogik fuehrt Gross Beispiele an, bei denen die Ikonizitaet von Buchstaben genutzt wird, um direkte bildliche Bezuege zu Objekten oder Menschen herzustellen und damit das Lernen zu erleichtern. Hier werden Lippen im Profil zum B und launisch herunter gezogene Mundwinkel zum A. Und auch die mittelalterlichen Figurenalphabete, die alle Buchstaben mittels akrobatisch agierender Personen darstellen, lassen eine Verbindung zum Menschen geradezu natuerlich erscheinen. Waere es denn nicht auch noch verwunderlicher, wenn es gar keine Zusammenhaenge gaebe? Wie bereits ausgefuehrt, ist die menschliche Wahrnehmung immer abhaengig, von den bisherigen Erfahrungen des Rezipienten. Bekanntes wird leichter erkannt als Unbekanntes. Daher draengt sich die Annahme auf, dass bei der Entstehung der Schriftzeichen, bewusst oder unbewusst, auf den bekannten Formenschatz zurueckgegriffen wurde. << top
4.4 Die Notwendigkeit der Differenz
Doch lassen sich noch heute ikonische Bezuege zwischen geschriebenem Wort und bezeichneter Sache herstellen? Schon ein von Sokrates angestelltes, logisches Extrem verweist auf die Notwendigkeit einer Differenz zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem: Denn die absolute Entsprechung beider fuehre letztlich zu einer Verdoppelung der Welt. Dieses "Bewusstsein von der Unueberbrueckbarkeit der Differenz zwischen Zeichen und Objekt" fuehrt, laut Gross, zu der Einsicht, dass zu grosse "Aehnlichkeit nicht nur entbehrlich ist, ja sogar hinderlich sein kann. Die visuell-ikonische Potenz, so scheint es, steht in Widerspruch zum Buchstaben als Lauttraeger (oder dem Wort als semantischer Einheit) Wort und Bild stehen also in einer Art Konkurrenzverhaeltnis zueinander, welches die Entscheidung herausfordert, auf welcher Ebene nun wahrgenommen und interpretiert werden soll. Doch bevor interpretiert werden kann, muss das Lesen zunaechst einmal erlernt werden. Bei Leseanfaengern beobachtete Gross noch einen deutlichen Widerstand gegen eine rein semantische Funktion des Schriftzeichens und das Beduerfnis nach einer Interpretation seiner Ikonizitaet. Sie wollten direkte Bezuege herstellen, den Buchstaben oder das Wort nicht symbolisch, sondern ikonisch wahrnehmen. Aber der Leseprozess kann letztlich nur gelingen, wenn die Regeln des Systems akzeptiert und der ikonische Gehalt der Zeichen ignoriert wird. Das Verdraengen der Bildlichkeit von Schrift ermoegliche erst die Wahrnehmung ihrer symbolischen (konventionalisierten) Bedeutung. Wir haben es hier also mit einem Spannungsfeld zu tun, das je nach Auspraegung der moeglichen Zeichenfunktionen unterschiedliche Interpretations- wege erfordert. Dabei gilt: Je weniger die Schriftgestalt auf ikonischer Ebene wirkt, desto reibungsloser kann ihr Inhalt gelesen werden. Bei aller Zurueckhaltung muss Schrift natuerlich sichtbar bleiben. Auf diesem schmalen Grad, zwischen guter Leserlichkeit, und sinnvoll unterstuetzender Schriftgestalt, entfaltet sich die Qualitaet typografischer Gestaltung. Vom Leser bestenfalls unbemerkt, koennen dennoch bestimmte Wirkungen durch eine gezielte Schriftwahl erreicht werden. Die oben angesprochenen Bedingungen gelten insbesondere fuer Lesetexte, die dem Leser eine, moeglichst bequeme, Aufnahme der schriftsprachlichen Inhalte ermoeglichen sollen. Doch selbst in diesem Falle wirken ikonische Qualitaeten mit, die keineswegs als negativ zu betrachten sind. Die Anordnung des Textes auf einer Seite, unterschiedliche Schrift- groessen- und Stile, Ueberschriften, Fussnoten und Pagina und nicht zuletzt die Anzahl der Seiten oder das Gewicht eines Buches sorgen fuer eine Orientierung des Lesers und geben Auskunft ueber Art und Umfang eines Textes, noch bevor er gelesen wird. Die ikonische Materialitaet hat also immer starken Einfluss auf das Leseerlebnis. << top
4.5 Doppelte Zeichenfunktionen: Auf Messers Schneide
Doch was passiert, wenn die ikonische Potenz der Schriftzeichen in den Mittelpunkt gerueckt wird? Das Konkurrenzverhaeltnis also offen ausgespielt wird? Was bereits im Abschnitt ueber Poetizitaet von Texten deutlich wurde, gilt auch fuer den Einsatz von Schrift: Ein gezielter Bruch mit Konventionen kann zu einem intensiveren Erleben fuehren. Dies machen grafische Beispiele aus den Bereichen typografischer und konkreter Poesie, aber auch aus dem Comic deutlich. Eine erschwerte Leserlichkeit, die zu Gunsten einer ikonischen Aussage in Kauf genommen wird, fuehrt hierbei nicht etwa zu einer Frustration des Lesers, sondern vielmehr zu einem spannungsreicheren Erleben. Die, grundsaetzlich auf allen Ebenen bestehende, Bereitschaft zur Sinnproduktion kann beispielsweise zwischen den beiden Zeichenfunktionen (ikonisch und symbolisch) hin- und hergeleitet werden, was zu einer aehnlichen Spannungssituation fuehrt, wie wir sie bei Vexierbildern beobachtet haben. Hierbei koennen die inhaltlichen Aussagen von Text und Bild einander bestaetigen und verstaerken, oder aber durch ihrer Gegenlaeufigkeit eine uebergeordnete Botschaft erzeugen, die sich erst aus dem Leseprozess ergibt. << top
4.5.1 Konkrete Poesie
Insbesondere die Kunstrichtung der Konkreten Poesie hat viele Werke hervorgebracht, bei denen die semantische Aussage des Textes einer parallel hervorgerufenen ikonischen Bedeutung gegenueber steht. Auffallend ist hierbei, dass ueberwiegend mit Einzelwoertern oder kleinen Wortgruppen, kaum aber mit ganzen Saetzen oder groesseren Textmengen gearbeitet wird. Vielmehr scheint es um eine intensive Auseinandersetzung mit einer bestimmten Wortbedeutung zu gehen. Hierzu wird das Wort unkonventionell, aber orientiert an den Eigenschaften des zu bezeichnenden Objektes gesetzt, wie die zwei folgenden Beispiele zeigen: Eine Wiederholung des Wortes Wolke im Formsatz erinnert an eine stilisierte Wolke, aus der vertikal angeordnet das Wort Blitz hervorgeht. Die Wolke selbst wirkt durch ihr Schriftbild und die Wiederholung des Wortes ruhig und geschlossen, waehrend der Blitz durch seine unkonventionelle Leserichtung markant hervortritt. Auch bei der chaotisch wirkenden Verteilung der Buchstaben W, i , n und d auf der Flaeche, welche von verschiedenen Richtungen aus gelesen, immer wieder das Wort Wind ergeben, erinnert die visuelle Darstellung deutlich an den bezeichneten Gegenstand. Der Leser wird angeregt, der bekannten, semantischen Bedeutung zu folgen, und dadurch eine bestimmte Augenbewegung zu vollfuehren, die an Wind erinnert. Hierdurch wird eine grundsaetzliche Eigenschaft des Objektes, naemlich das Umherwirbeln von Luftmassen, treffend illustriert. Eine weitere, fingierte Praxis konkreter Poesie, zur Schaffung einer uebergeordneten Sinnkonstruktion, ist das Spiel mit der Semantik eines Wortes. Hierzu wird ein Grundwort viele Male wiederholt, so dass der Leser es als konstant wahrnimmt. Im weiteren Leseverlauf wird dann durch Auslassen, Umstellung der Buchstaben, Hinzufuegen einer Silbe oder eines weiteren Wortes, mit der (selbst eingefuehrten) Konvention gebrochen und eine neue Bedeutung gebildet. Anhand der Augenbewegungen von Lesern, die Beispiele konkreter Poesie betrachteten, weist Sabine Gross eine laengere Verweildauer nach, als sie ueblicherweise fuer eine vergleichbare Textmenge benoetigt werde. Dies fuehrt sie auf den beim Leser stattfindenden Modalitaetswechsel zurueck. Da eine synchrone Wahrnehmung, ikonischer und symbolischer Bedeutung, bekanntlich nicht moeglich ist, werde das Lesen, also der Prozess der Sinnkonstruktion (synonym zu poetischen Texten) verlangsamt und so die kognitive Aktivitaet des Lesers selbst thematisiert. << top
4.5.2 Comic: Intensivierung durch Mischung
Dass diese Herausforderung vom Leser als luststeigernd erlebt wird, unterstreicht auch Friederike Wienhoefer, die das Phaenomen comicaler Lautmalerei (Onomatopoeie) und ihre typografische Darstellung untersucht hat. Ihrer Auffassung nach, handelt es sich beim Comic um ein Medium ausserordentlicher Intensitaet, bei dem, insbesondere durch die Vermischung der Zeichenfunktionen (ikonisch und symbolisch), eine subjektivere Identifikation des Lesers ermoeglicht werde. Der Einsatz von Schrift, zur Darstellung von Geraeuschen, Bewegungen oder Emotionen, bei dem die Buchstaben frei auf der Flaeche angeordnet, und ggfs. zusaetzlich in ihrer Gestalt verzerrt werden, werde als expressiv und aussergewoehnlich empfunden. Aufgrund des Bruches mit typografischen Normen, wirke die Typografie comicaler Onomatopoeie auf einer subjektiv- emotionalen Ebene, so dass es mehr um ein Erleben, als ein Verstehen von Text ginge. Wienhoefer sieht in der Methode der Zeichenmischung auch eine Entsprechung zum sprachwissenschaftlichen Begriff der Allosprache: In aehnlicher Art, wie sich diese der Grundlagen menschlicher Sprachentwicklung (z.B. der Lautmalerei) bedient, greift der Comic auf ikonische Zeichen, also auf die Basiselemente unserer Schriftkultur zurueck und erzielt hierdurch eine intimere, subjektivere Wirkung. Durch verschiedene Techniken (wie Umrissmodulation, Laufbildvariation, unkonventionelle Leserichtungen und Ueberlagerungen von Schrift) verschmelzen Text und Bild zu neuen, eigenstaendigen Zeichen, die dem Leser einen grossen Interpretationsspielraum einraeumen, der intuitiv und subjektiv gefuellt werden will. Diese, erweiterte Kommunikationsfunktion zwischen Autor und Leser, setzt allerdings eine kulturelle Verstaendnisebene voraus. Die Typografie comicaler Onomatopoeie traegt zu einer "Reduktion von Mehrdeutigkeit" bei, obwohl und indem sie sich "auf einen mehr oder weniger diffusen Erfahrungs- horizont" bezieht und dadurch "metakommunikative Funktionen" uebernimmt. Bedeutungsinhalte, die der Text semantisch nicht uebermitteln kann (ohne sich in langen Beschreibungen zu verlieren), werden im Comic also durch einen gezielt ikonischen Einsatz von Schrift dargestellt. Die Schlussfolgerung Wienhoefers, dass es, durch die Kombination von Zeichen unterschiedlicher Funktionen, zu einem eigenstaendigen Zeichen komme, findet sich auch bei Gross wieder: Der Text von Figurengedichten, der in Form einer Figur gesetzt ist, wird in seiner Ganzheit zum Superzeichen, "dessen Form nicht nur signifikant, sondern signifizierend ist. Wie Buchstabe oder Wort, kann dieses Zeichen verschiedene Signifikationsmodi in unterschiedlicher Weise kombinieren. Solche "Textbilder" repraesentieren am umfassendsten die komplexe Beziehung zwischen ikonischer Form und Schriftsymbolisierung, in der beide verschieden gewichtet sein koennen und in unterschiedlicher Weise zusammenwirken: ihre spannungsvolle Komplementaritaet reicht von der Redundanz bis zum Konflikt." Dieser Grenzgang, zwischen Text- und Bildaussage ist also ueberaus facettenreich. Der besondere Gehalt der genannten Texte liegt in der Betonung der Wechselseitigkeit dieses Verhaeltnisses. Es wird deutlich, dass die Unterscheidung zwischen Schrift und Bild keineswegs als stabil bezeichnet werden kann. Text kann ebenso als Bild gelesen werden, wie in Bildern Schriftzeichen entdeckt werden koennen, sofern es dem Leser als sinnvoll erscheint. Selbst der vielfach vertretenen These, Bilder seien intuitiver, und damit schneller zu entziffern als Text, widerspricht Gross ausfuehrlich. Diese, auf staerkerer Aehnlichkeit zum bezeichneten Objekt basierende Annahme, von einer Ueberlegenheit der Bilder, geraet durch den Vergleich einer Fotografie mit einer Karikatur ins Wanken. Die Linienzeichnung einer Karikatur vermag relevante Inhalte durchaus schnell und pointiert zu uebermitteln, auch ohne dem zu bezeichnenden Gegenstand ueberaus aehnlich zu sehen; waehrend eine Fotografie durch die Abbildung einer Vielzahl, auch nebensaechlicher Informationen, verwirren und damit langsamer zu lesen sein kann. Die sich hiermit aufdraengende Frage, warum wir ueberhaupt in der Lage sind, Abbildungen unserer Umwelt wahrzunehmen und mit einer bestimmten Bedeutung zu verknuepfen, fuehrt zu der Annahme, dass es sich bei Bildern, genau wie bei Schrift, um konventionalisierte Zeichen handelt. Zwar unterscheiden sich die Augenbewegungen des Lesers, bei der Betrachtung eines Bildes, im Vergleich zum Lesen eines Textes, durch groessere Spruenge, die kognitiven Vorgaenge zur Sinnkonstruktion sind aber prinzipiell gleich. Aehnlich, wie die Faehigkeit zur Tiefenwahrnehmung erst erlernt werden muss, kann auch das Verstaendnis von Bildern nicht als natuerlich vorhanden bezeichnet werden. Das Lesen ikonischer Zeichen muss also ebenso erlernt werden, wie das Dekodieren von Schriftsprache. << top
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